Wenn Zuhören Demokratie stärkt – Wahlkreistage in Sulz & Herrenberg
Mit den Wahlkreistagen in Herrenberg und Sulz am Neckar wurden zwei dialogische Beteiligungsformate umgesetzt, die beispielhaft zeigen, wie Demokratie vor Ort durch persönliche Begegnung, Zuhören und Vertrauen gestärkt werden kann. In beiden Städten trafen zufällig ausgeloste Bürgerinnen und Bürger auf politische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger aus Kommunal- und Landespolitik, um über gesellschaftliche Fragen, Alltagsrealitäten und den Zustand des sozialen Zusammenhalts ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Aushandlung politischer Positionen oder konkreter Beschlüsse, sondern das gemeinsame Verstehen unterschiedlicher Perspektiven. Dieses Verständnis von Beteiligung folgt dem Leitgedanken, dass Demokratie nicht allein durch Wahlen, sondern durch kontinuierlichen Dialog lebendig bleibt

Deutlich wird dies am Beispiel von Sulz am Neckar, das im Rahmen der Engagement- und Beteiligungsstrategie „Sulz 2030“ seit mehreren Jahren einen eigenständigen Weg der dialogischen Bürgerbeteiligung verfolgt. In Herrenberg ist es die „Strategie für gelebte Beteiligungskultur“, die seit 2020 definiert, wie Bürgerbeteiligung als kontinuierlicher, integrativer Bestandteil des städtischen Lebens und der Verwaltungsprozesse etabliert wird. Diese Strategie ist eng verwoben mit dem Selbstverständnis der Stadt als „Mitmachstadt“, bei der es darum geht, Bürgerinnen und Bürger – in möglichst breiter Vielfalt – frühzeitig, transparent und wirkungsvoll in Entscheidungen einzubeziehen. Sowohl in Sulz als auch in Herrenberg versteht man Engagement und Demokratie nicht als getrennte Bereiche, sondern als sich gegenseitig verstärkende Elemente kommunaler Entwicklung. Bürgerforen, Denkwerkstätten, eine Koordinierungsstelle für Engagement und Beteiligung sowie der Wahlkreistag sind Bausteine eines Gesamtkonzepts, das Einwohnerinnen und Einwohner nicht nur punktuell beteiligt, sondern dauerhaft in demokratische Prozesse einbindet.
Der Wahlkreistag in Sulz, der im Oktober 2025 in der Panoramahalle Holzhausen stattfand, war dabei ein besonderer Moment: Rund 750 persönlich eingeladene Zufallsbürgerinnen und -bürger bildeten die Grundlage für eine vielfältige Teilnehmendengruppe, die gemeinsam mit Abgeordneten über Themen wie sozialen Zusammenhalt, Migration und Demokratie, Bürokratieabbau, Bildung sowie Energiewende und Nachhaltigkeit sprach. Die leitende Fragestellung – wie sich der gesellschaftliche Zusammenhalt im Wahlkreis aktuell anfühlt – öffnete den Raum für persönliche Erfahrungen statt abstrakter Debatten. Eine teilnehmende Bürgerin brachte dies auf den Punkt: „Ich bin nicht gekommen, um Forderungen zu stellen, sondern um zu erzählen, wie sich unser Alltag anfühlt – und genau dafür war heute Raum.“ Angestoßen von der Initiative „Lebendige Demokratie Sulz“ gemeinsam mit der Stadt Sulz a. N. konnte die Veranstaltung realisiert werden.

Auch der Wahlkreistag in Herrenberg am 11. Oktober 2025 folgte diesem Prinzip. Organisiert durch die Herrenberger Regionalgruppe Gemeinwohl-Ökonomie entstand mit moderierten Kleingruppen ein geschützter Rahmen, in dem Bürgerinnen und Bürger ihre Sichtweisen einbringen konnten, während politische Vertreterinnen und Vertreter bewusst die Rolle der Zuhörenden einnahmen. Diese klare Rollenteilung erwies sich als zentraler Erfolgsfaktor: Viele Teilnehmende berichteten, dass sie sich ernst genommen fühlten und Politik als menschlich und nahbar erlebten. Der bewusste Verzicht auf Ergebniszwang führte zu einer Offenheit, die von den Teilnehmenden als wohltuend erlebt wurde: „Endlich mal in Ruhe sprechen können und unterschiedliche Ansichten hören, war sehr bereichernd.“ Damit bestätigten beide Wahlkreistage eine zentrale Erkenntnis aus dem Sulzer Weg der Bürgerbeteiligung: Vertrauensaufbau ist kein Nebenprodukt politischer Prozesse, sondern eine eigenständige demokratische Leistung.
Aus einer Wirkungslogik betrachtet setzen Wahlkreistage früh an. Ausgangspunkt ist eine verbreitete Distanz zwischen Bevölkerung und Politik sowie das Gefühl, nicht gehört zu werden. Durch das Losverfahren werden Menschen erreicht, die sich sonst kaum beteiligen würden, wodurch Vielfalt sichtbar wird – auch wenn vollständige Repräsentativität nicht erreicht werden kann. Die Kombination aus persönlicher Einladung, guter Moderation und ausreichend Zeit schafft kurzfristig das Gefühl von Anerkennung und Selbstwirksamkeit. Mittelfristig fördert dies die Bereitschaft zum weiteren Engagement und verbessert die Gesprächskultur zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Langfristig tragen solche Formate zu einer resilienteren lokalen Demokratie bei, in der Beteiligung als normaler Bestandteil kommunalen Handelns verstanden wird. In Sulz wird diese Wirkung zusätzlich durch einen Lenkungskreis abgesichert, der Ergebnisse dokumentiert, politisch rückkoppelt und transparent über Umsetzungsstände berichtet – ein Aspekt, der von vielen Beteiligten als besonders vertrauensbildend erlebt wird.

Die Learnings aus Herrenberg und Sulz lassen sich klar benennen. Erstens zeigt sich, dass Zufallsauswahl in Verbindung mit persönlicher Ansprache ein wirksames Instrument ist, um neue Stimmen zu gewinnen. Zweitens ist Rollenklarheit entscheidend: Wenn deutlich ist, dass es um Zuhören und Verstehen geht, sinkt die Hemmschwelle zur Teilnahme. Drittens erhöht der Verzicht auf sofortige Lösungen die Qualität der Gespräche, weil Ehrlichkeit und Ambivalenz zugelassen werden. Viertens erweist sich Zeit als zentraler Qualitätsfaktor – sowohl im Ablauf der Veranstaltung als auch in der Nachbereitung. Und schließlich wird deutlich, dass Beteiligung nur dann nachhaltig wirkt, wenn sie sichtbar weitergeführt wird, etwa durch Rückmeldungen, öffentliche Berichte und die Einbettung in bestehende Strategien.
Sulz a. N. und Herrenberg setzen damit verstärkt auf einen Ansatz, bei dem dialogische Beteiligung, Engagementförderung und politische Entscheidungsprozesse sinnvoll zusammengedacht werden. Insgesamt machen die Wahlkreistage deutlich, dass Demokratie im Alltag dort gestärkt wird, wo Menschen einander zuhören, Unterschiede aushalten und gemeinsame Verantwortung entwickeln. Sie sind damit nicht nur Einzelveranstaltungen, sondern Teil eines kulturellen Wandels hin zu einer dialogfähigen, lernenden Demokratie auf kommunaler Ebene.
Während Herrenberg das erfolgreiche Format nutzen wird, um Schülerinnen und Schüler mit Landtagskandidatinnen und -kandidaten ins Gespräch zu bringen, hat der Wahlkreistag in Sulz sogar langfristige Folgen: Daraus entwickelte sich die landkreisweite Initiative „DemokratieCafe53“, die derzeit ein Netzwerk aus Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Bildungsträgern, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren aufbaut. Ziel ist es, Demokratie zum Anfassen, Mitdenken und Mitwirken weiter voranzubringen. In Dietingen bei Rottweil fand im Dezember 2025 das erste ZuhörCafé der neuen Initiative statt. Mit dabei war der Mundartdichter Pius Jauch, mit dem Bürgerbeteiligung künftig auch „auf Schwäbisch“ vermittelt werden soll. Gefördert wird das Projekt durch Aller.Land. Vergnügliche Stunden mit Tiefgang sind zu erwarten.
Hans-Ulrich Händel, Sulz a. N. & Vanessa Watkins, Herrenberg